Hanne Zech                                           

                                                   

 

Felder

 

... so verwandeln sie sich in der

Bewegung:

vom Kommen zum Gehen

in der Ausdehnung: von innen nach

außen,

in der Gruppierung: vom zusammen

zum getrennt,

im Volumen vom voll zum leer,

oder umgekehrt.

All dies, um erweiterte Beweglichkeit

zu zeigen.

                                 Joseph Albers1

 

 

 

Die 80er und 90er Jahre

Die Aussage von Joseph Albers steht in Bezug zu seinen frühen konstruktiven Arbeiten und ihrer

Wirkungsintention auf die Wahrnehmung durch den Betrachter. Sie betrifft in gewisser Weise auch

das Grundthema der Arbeiten von Ellen Heinemann, da sie in ihren Arbeiten auf die Erfahrungen

der Wirkung Konstruktiver Formulierungen zurückgreift, ohne ihr Werk selbst im eigentlich Sinn als

ein Konstruktives zu verstehen.

 

Bis vor wenigen Jahren verfolgte Ellen Heinemann seit etwa Mitte der 1980er Jahre ein bildnerisches

Konzept, dessen Grundthema die Variation von und in Farbfeldern auf unterschiedlichen und meist

mehrteiligen Bildträgern ist. Die Bildträger sind in der Regel in mehrere Farbfelder geteilt. Es über-

wiegen kräftige Farbtöne des Rot, Blau, Grün und Gelb. Die Farbfelder sind entweder monochrom

oder aber mit Streifen oder wolkenförmigen organischen Mustern über die gesamte Fläche bemalt.

 

Wenn man ihr künstlerisches Konzept allgemein formulieren möchte, so behandelt sie in ihrem

Werk einerseits Fragen nach Figur und Grund, Symmetrie, Rhythmus, Teilung im Zusammenhang

mit der Interaktion von Farben. Zum anderen werden durch die unterschiedlichen Bildträger, wie

Leinwände, Stäbe, Rundhölzer, Farbflächen und Formen bis an die Grenzen des Plastischen aus-

gelotet. Dies geschieht nicht nur bei den Holzstäben, die per se schon dem Plastischen zugeordnet

werden können, sondern auch bei den Leinwänden durch die Bemalung der Bildkanten, die so den

Objektcharakter ins Spiel bringen. Zum Dritten bezieht Ellen Heinemann durch die Mehrteiligkeit der

Arbeiten, die mit Zwischenräumen gehängt werden, oder wie die Stäbe an der Wand lehnen – den

architektonischen Raum in das Verständnis des Bildganzen ein.

 

In den letzten Jahren hat sich das Werk von Ellen Heinemann verändert. Ihre Bilder haben sich von

der Vieltelligkeit, dem Objektcharakter und den Mustern getrennt. Auf den rechteckigen Leinwänden

mittleren Formates ist ein großes, nach oben gestelltes Quadrat zu sehen. Von der Dispersionsfarbe

auf Nessel mit ihrem matten Charakter ist sie zu Ölfarbe auf Leinwand und damit zu der Betonung

einer glänzenden Oberfläche übergegangen. Die Farbigkeit wird reduziert auf zwei zumeist ähnliche

Farben.

 

Rhythmus in den Werken der 80er und 90er Jahre.

Durch das Nebeneinanderstellen aber auch das Vertauschen der verschiedenen Farbfelder sowie

der Farbigkeiten und Muster sowohl innerhalb eines Bildes – oder wie bei mehrteiligen Arbeiten auf

den verschiedenen Bildern – wird durch Wiederholungen und Variationen so etwas wie ein Ver-

bindungsnetz verschiedener Richtungskräfte in den Bildräumen und im Bildganzen erzeugt.

 

Ein wichtiger Faktor für diese Wirkung ist das Bildformat. Auffällig ist, dass Ellen Heinemann meist

mit dem Quadrat oder einem extrem schmalen Hochformat arbeitet, das wiederum in einzelne

Bildsegmente geteilt wird. Bisweilen hat sie auch mit einer Kombination von Quadrat und Hochformat

gearbeitet.

 

Die Quadrate selbst sind nie in weitere Felder unterteilt, und erlauben somit eine Einschätzung der

Wirkung von Farben, Grund, Figur und Richtungskräften. Das mit seiner glatten Oberfläche an sich

richtungslose Quadrat – wie es bei den monochromen Quadraten deutlich zu sehen ist – erzeugt,

sobald eine Figur darauf ist, in Kombination mit der Farbe, auf jedem Segment verschiedene

Richtungskräfte. Sie bewirken ein Wechselspiel zwischen Figur und Grund. Die hellen und dunkeln,

warmen und kalten Farben lassen entweder Figur oder Grund in den Vordergrund treten und er-

zeugen in ihrer Wahrnehmungswirkung eine Bewegung von innen nach außen, bzw. von außen

nach innen.

 

Der Rhythmus

jedoch ist nicht nur von der Figur im Bild bestimmt. Das Format des Bildes unterstützt stark die

Wahrnehmung der Richtungskräfte. Bei den schmalen Hochformaten arbeiten sowohl Einzelfelder,

wie auch die darauf befindlichen Muster in unterschiedlicher Intensität gegen die Kräfte des Formats.

Diese Gegenkräfte suggerieren ein Dehnen und Zusammenziehen nach außen oder innen. Bei den

horizontalen Streifen wird nicht nur durch die Richtung der Streifen ein Gegengewicht zu dem Hoch-

format gesetzt, sondern die Streifen selbst, erzeugen in dem Wechsel von hellen und dunklen, von

warmen und kalten Farben eine Art wellenförmiger Bewegung von hinten nach vorne.

 

Die suggerierte Bewegung oder der Rhythmus entsteht also einerseits durch den Wechsel von ver-

schieden großen monochromen und gemusterten Farbflächen. Zum anderen entsteht Bewegung

innerhalb der Farbfelder durch Figur und Grund und zum dritten durch die Teilung des Bildganzen in

Felder, ihre Gegenüberstellung und Variation bei Mehrteiligkeit, was wie ein Vertauschen des Inhalts

der Bildräume wirkt. Hinzu kommt die Wirkung der Farbe selbst, sowohl ihre räumliche wie auch

die durch die Farbmenge bestimmte Gewichtung als schwere oder leichte Masse.

 

Was auf den ersten Blick sehr einfach erscheint, ist in Wirklichkeit ein komplexes System der Form-

und Farbwirkungen.

 

Mit einer derartigen Konzeption greift Ellen Heinemann in ihrem malerischen Werk auf die Erfahr-

ungen der Farbfeldmalerei der 60er Jahre zurück, ohne dass es sich auf diese reduzieren ließe.

Sie entwickelt diese für sich weiter. Sie behält ein rationales Konzept der Form- und Farbwirkung

ebenso wie die glatten Farbflächen und eine Betonung des Objekthaften. Sie ergänzt es durch 

explizite Setzungen, durch Spuren des Malinstrumentes.

 

Formbildung

Bei dem Betrachten der meisten Bilder von Ellen Heinemann kann man feststellen, dass sie sich

im Wesentlichen auf zwei Formen der Figur beschränkt. Zum einen sind es horizontale Streifen,

die der Breite des verwendeten Pinsels entsprechen und nicht scharf voneinander getrennt sind.

Dieser Figur gegenüber steht eine runde, organische, man könnte fast sagen wolkenartige Form,

die durch das zwei- oder dreimalige Drehen des Pinsels um seine eigene Achse entsteht. In beiden

Figuren entsteht Form aus der sichtbaren Bewegung des Malinstrumentes. Damit unterscheidet

sie sich zum Beispiel von gestischer Malerei, in der zwar auch die Pinselspuren sichtbar sind, je-

doch die Bewegung des Körpers und der Hand im Vordergrund stehen.

 

Für Ellen Heinemann gilt: Das Instrument gestaltet Form und Figur. Auch Niele Toroni hat das Mal-

instrument – eine kurze Spur des Pinsels der Größe 50 – in den Vordergrund gestellt. Im Vergleich

beider Künstler kann man konstatieren: Die Form entsteht durch die Bewegung des Pinsels und sie

ist Setzung. Niele Toroni aber macht diese Setzungen im architektonischen Raum, sie haben den

immer gleichen Abstand und dienen so der Erweiterung des malerischen Aktionsfeldes und der Ver-

änderung der Wahrnehmung des Raumes mittels solcher Aktionsfelder. Ellen Heinemann dagegen

geht es um die formbildende Setzung des Pinsels im Bildraum und der Beziehung der Bildräume

zueinander. Ihre Setzungen drücken  nicht Gleichförmigkeit und Maß, sondern Ähnlichkeit aus.

 

Hinzu kommt weiterhin, dass bei einer großen Ähnlichkeit der Form – durch die verschiedenen

Farbigkeiten -Variation und Kontrast eine größere Rolle spielen. Damit erreicht sie – auch wenn die

Formen in immer gleicher Art und Weise entstehen – eine große Vielfalt in der Wahrnehmung eben

dieser Formen. Erschien die runde Form zum Beispiel auf einem Bild als Figur, nimmt man sie in

einer anderen Farbkonstellation als Grund wahr. Manchmal oszillieren Figur und Grund in der

Wahrnehmung sogar auf ein und demselben Bild -aber in verschiedenen Feldern – im Wechsel.

Hinzu kommt die Beeinflussung durch die benachbarten Felder und ihre Form und Farbigkeit, die

Trennung oder Zusammengehörigkeit formulieren können.

 

Positionen

Die Figur auf Ellen Heinmanns Bildern erinnert sehr stark an ornamentale Muster durch ihre Ver-

wendung von Symmetrien, Wiederholungen, Teilungen. Auch damit knüpft sie an minimalistische

Traditionen an. Durch eine klar nach zu vollziehende Teilung und Beziehung der Bildteile zueinander

wird der Blick auf das Bildgeschehen und die Variation der Bildräume zueinander gelenkt. Ein rotes

Quadrat steht erst einmal nur für sich selbst, es ist mit keiner von außen kommenden Bedeutung

aufgeladen. Doch wenn es sich einmal oben, ein anderes Mal ganz unten auf einem Hochformat

befindet, wird es durch seinen Platz mit Bedeutung aufgeladen. Es erscheint einmal als ein Kommen,

ein anderes Mal als ein Gehen, obwohl jedes Quadrat nur sich selbst repräsentiert. Auch das

‚Gewicht‘ der Präsenz verändert sich. Betrachtet man zum Beispiel ein monochromes gelbes und

ein blaugrün gestreiftes Quadrat in dem oberen Teil von zwei schmalen Hochformaten. Ihre Präsenz

erscheint grundsätzlich verschieden. Das gelbe scheint zu gehen, das dunkel gestreifte bleibt stehen.

 

In einer Reihe von größeren quadratischen Bildern hat sich Ellen Heinemann darauf ‚beschränkt‘, die

runden Muster auf der Fläche gleichmäßig zu verteilen. Die Farbwerte sind ähnlich, unterscheiden

sich meist nur in der Helligkeit. Die hellen Formen auf dunklerem Grund treten plastisch hervor.

Der Pinsel hat die Farbe zur Seite geschoben und an den Rändern aufgewölbt. Hervor tritt bei diesen

Arbeiten auch die Wirkung der unterschiedlichen Materialität der Farbmasse. Ans Licht gebracht

werden die aufgewölbten Kanten, durch die das Muster nicht nur eine eigene Farbigkeit sondern auch

eine größere Objekthaftigkeit bekommt.

 

Die neue Werkphase

In den vergangenen Jahren hat sich das bildnerische Thema von Ellen Heinemann verändert. Auf recht-

eckigen Leinwänden mittleren Formats befindet sich – nach oben gerückt – ein Quadrat. Es gibt keine

Muster mehr, nur noch zwei monochrome Flächen, die zueinander in Beziehung stehen. Diese neuen

Bilder sind kein ‚hommage to a square‘. Ellen Heinemanns Bilder sind vielmehr ein Bild im Bild, genauer

ein quadratisches Feld in einem umgebenden Feld.

 

Die für diese Bilder verwendeten Ölfarben erzeugen eine sehr glatte Oberfläche – es ist keine Spur des

Pinsels mehr zu sehen – und die Binnenform wird durch Abkleben bei dem Farbauftrag scharf von der

umgebenden Fläche getrennt Binnenfeld und Außenform sind in benachbarten Farbtönen – wie zwei

verschiedenen Gelbtönen – gemalt.

 

Die in mehreren Schichten aufgetragene Farbe erreicht eine Tiefenwirkung und lässt zugleich auf ihrer

Oberfläche Veränderungen durch das Tageslicht zu. Es entsteht in diesen Bildern der Eindruck eines

meditativen Bildraumes, der den Betrachter in sein Zentrum zieht. Die Wirkung zweier Bildräume sind

das eigentliche Thema dieser neuen Bilder.

 

Mit dem Thema des Verhältnisses zweier monochromer Flächen zueinander als Innen und Außen, als

Formulierung von Grenzflächen, greift Ellen Heinemann eine Bildtradition auf, in der die Farbfelder nicht

mehr allein in ihrer materiellen Präsenz wahrgenommen werden, sondern eine Botschaft vermitteln. Sie

repräsentieren das Bild als Möglichkeit der Farbwirkungen und ihrer emotionalen wie geistigen Wirkung

auf den Betrachter.

 

1) In: Joseph Albers: Eine Retrospektive, .Köln, Dumont 1988, S.69

 

 Zurück