Knut Nievers
Haltestellen der Farbe
In unseren städtischen Räumen haben sich die Farben nicht nur
unendlich vermehrt, sie sind auch
in stetigem Wechsel begriffen und ständig in Bewegung. Die Farben
der Natur sprechen zwar noch
mit, treten jedoch in Konkurrenz mit den Farben der Architektur-
und Werbedisplays, der Verkehrs-
mittel, der Beschilderungen. Sie vagabundieren, fahren als blinde
Passagiere mit an Straßenbahnen,
Bussen und Zügen. Sie sind nicht weniger anarchistisch als
die Graffiti. Ich seh’, ich
seh’, was du
nicht siehst, und das ist ..., kann nahezu jeden Gegenstand ins
Blickfeld rücken. Gelb kommt viel
mehr daher als nur mit der Post, die inzwischen dem Maggistudio farblich sehr
nahe gekommen
ist. Farben nehmen die Namen von Warenmarken an. Die Farben haben
ihre angestammten Orte
und Gegenstände aufgegeben und sind woanders hin gewandert, lassen
sich hier und dort nieder,
ihre Bedeutungen changieren. Das alles bedeutet aber nicht, dass
die Farben der Natur ver-
schwinden, manchmal, und durch den ausgedehnten Warenverkehr nicht
immer jahreszeiten-
gemäß, können sie sogar besonders aufleuchten.
Auf eine solche Wahrnehmungserfahrung
lassen sich zwei Notizen von Ellen Heinemann über ihren
Umgang mit Farben beziehen: „Ich sammle Farben auf dem Fahrrad, bei
der Fahrt durch die Stadt
und verteile sie auf meiner Leinwand“ und: „Wenn Handke,
Platzanweiser für Worte’ ist, bin ich
Platzanweiserin für Farben.“ Eine solche Formulierung kann nur auf der
Grundlage einer konzeptu-
ellen Auffassung von Malerei gefunden werden. Die Platzanweisung
muss sich nämlich auf ein Feld
beziehen, das sich zwischen den Polen leer und besetzt ausspannt.
Am Anfang des Malprozesses sind die Leinwände leer und doch schon
immer besetzt. Dort befinden
sich unsichtbar und desto wirksamer die Platzhalter der gesamten
Kunstgeschichte. Folglich müssen
die Entleerungen und Setzungen immer ineinander greifen. Das Kino
darf nie überfüllt und nie leer
sein. Mit einfachen Rausschmissen ist es auch nicht getan. Die
Türen zur Welt außerhalb des Kinos
dürfen weder völlig geschlossen noch völlig offen sein. Wir reden
von Farben: es dürfen sich nicht
mehrere auf dem Schoß sitzen und sich vermischen und zerdrücken,
sie sollen sich aber auch nicht
versprengen, sondern ein Publikum bilden. Sie sollen mit der
Leinwand, unter einander und mit der
Außenwelt in Verbindung stehen.
Die Platzanweiserin hat viel zu tun, sie muss alles im Blick
behalten, sie bewegt sich hin und her, sie
muss die Kommenden empfangen, die Gehenden hinausgeleiten. Sie muss
den Überblick bewahren.
Sie braucht ein Konzept.
Betrachten wir erst einmal eine Arbeit, die mit Malerei wenig, viel
aber mit der Anordnung von Farben
zu tun hat. „Sammlung“ nennt Ellen Heinemann eine Arbeit, die 1978
begonnen wurde, immer noch
nicht abgeschlossen ist und
vermutlich auch nicht abzuschließen sein wird, weil sie sich voll in den
Strom der warenproduzierten Farben stellt. Es handelt sich dabei um
eine Sammlung von Plastik-
gegenständen aus
allen Bereichen des alltäglichen nützlichen oder spielerischen Lebens, die auf
Tischen organisiert ausgebreitet werden. Um in der Begrifflichkeit
unserer werkprozessualen
Geschichte zu bleiben: auf den vom jeweiligen
Ausstellungsort angebotenen Präsentationsflächen
(das können auch Vitrinen oder Raumnischen sein) wird den
Gegenständen der Platz angewiesen.
Hier ist, bei der Künstlerin wie beim Betrachter die Wahrnehmung
auf Alarm gestellt. Wem wird
Platz angewiesen? Den farbigen Gegenständen, den Farben und den
Gegenständen? Da doch die
Farben von den Gegenständen nicht zu trennen sind, glauben wir
sagen zu dürfen, dass den
farbigen Gegenständen ihre Plätze angewiesen werden. Dennoch stimmt
das nicht oder jedenfalls
nicht ganz. Im Konzept von Ellen Heinemann werden den Farben Plätze
angewiesen, Farben, die
sich jedoch von ihren Körpern nicht trennen können, die plastisch
sind, Raum beanspruchen – die
Körper – und daher nie rein farblich, also
farbkompositorisch Platz nehmen können.
Konzepte brauchen immer mindestens zwei Bedingungen. Hier handelt
es sich um Farben an
signifikante Körper gebunden und um Körper mit signifikanten
Farben. Es geht also nicht darum,
einem Geist zu sagen, er möge doch bitte Platz nehmen. Der
konzeptuelle Umgang mit der
Präsentation der „Sammlung“ besteht also darin, die Körper und die
Farben weder schlicht in eins
zu setzen, noch sie
voneinander isolieren zu wollen, sondern sowohl die Farben für sich und mit
den Körpern als auch die Körper für sich und mit den Farben in den
Einklang einer gesteigerten
Gegenwärtigkeit zu bringen.
Nun kommt jedoch in der Betrachtung der „Sammlung“ ein anderes
Element ins Spiel, das dem
Betrachter als Kunstbetrachter eher ärgerlich erscheinen könnte.
Selbst wenn er Farblinien oder
-wege oder Gegenstandsbeziehungen in der Anordnung ausmachen oder
verfolgen kann, wird er
– vielleicht sich schon von der Betrachtung abwendend – Zufall als
antigestalterische Kraft arg-
wöhnen. Mit
diesem Schritt hat er das konzeptuelle Feld verlassen, indem er Konzeptualität
und
Zufälligkeit für sich als unvereinbares und
interaktivitätsunfähiges Gegensatzpaar in seiner Vorstell-
ung und
seinem Denken etabliert hat. Jedoch hat Ellen Heinemann in ihrer Examensarbeit
von
1984 an der Bremer Kunsthochschule dem Verhältnis von Zufall und
Gesetzmäßigkeit besondere
Aufmerksamkeit zugewendet und dabei Interdependenzen entdeckt, die
sich künstlerisch entfalten
lassen, wenn zwischen diese beiden Prinzipien keine
Ausschließlichkeiten geschoben werden.
Seitdem arbeitet sie an der Entfaltung dieser Haltung nicht nur als
künstlerischer Konzeption
sondern auch als Dimension gesellschaftlicher Verständigung.
Ihre Arbeiten sind nicht unmittelbar politisch oder
gesellschaftskritisch, verweisen aber zumindest
auf die Problematik von sozialen Platzhaltungen, deren Legitimation
durch fragwürdige Traditionen,
nicht wirklich entscheidungsfundierte Wahlen und akklamierte
Berufungen eher wackelig dastehen.
Viele Arbeiten von Ellen Heinemann sind „ohne Titel“, was ja noch
lange nicht heißt, dass sie ohne
Inhalt sind.
Wenn Titel auftauchen, lassen sie besonders aufhorchen. Sie nehmen dann oft
Bezug
auf politische Ereignisse oder auf religiöse Inhalte. Das muss erst
einmal nicht nur untereinander
sondern auch in Bezug auf Kunst in zumindest: plausiblen, besser,
begründeten Zusammenhang
gebracht werden; denn Heinemanns Bilder erscheinen doch abstrakt:
Farben und Formen, Teil-
ungen und
Rhythmen, Leeren und Dehnungen, Pausen und Füllungen, Flächen- und Volumen-
verhältnisse,
Massenentsprechungen, als Gipfel der Goldene Schnitt, gesucht oder einfach
ge-
funden,
gesehen und im Nachhinein gemessen bestätigt. Das sind sie und nicht zumindest.
Heinemanns Bildraum, wie logisch er auch immer in sich selbst zu
sein scheint, verweist immer
über sich hinaus auf den umgebenden Raum, sei er architektonisch
oder sozial, nein beides.
Es sind ja auch Bilder, allerdings mit hohen malerischen
Anforderungen. Aber wenn wir von Inhalten
der Malerei von Ellen Heinemann reden, geht es selbst wenn es sich
um eine Arbeit mit dem Titel
„The Last Supper“
handelt, nicht um Ikonographie, nicht um Inhalte, die
sich im Rahmen eines Bildes
interpretationsfähig etablieren, sondern um Verständnisse, die in
die Welt hinauswollen.
Um das nachvollziehbar zu machen, zeige ich drei Schritte im Werk
von Ellen Heinemann auf.
1984 entsteht eine dreiteilige Arbeit mit Malerei auf der
Stoffbespannung von Feldbetten. In einer
alle Werkanalyse auslassenden interpretatorischen
Wahrnehmung setzt sich die Malerei sehr strikt
mit Flächenaufteilungen auseinander und sieht am Ende doch auch so
aus wie das Muster, das Ver-
bände und Heilversuche auf
einem sehr verletzten Körper hinterlassen.
An diesem Werk lassen sich sehr gut zwei durchgängige Prinzipien
der künstlerischen Arbeit von
Ellen Heinemann verdeutlichen. Die ‚abstrakten‘ Gesetzmäßigkeiten,
Farbbeziehungen, Flächen-
verhältnisse werden
sehr streng etabliert und durchgehalten. Die innerbildlichen Logiken grenzen
sich jedoch nicht vom gesellschaftlichen und politischen Leben ab,
sondern bleiben ihm gegen-
über offen. Es kommt also nicht darauf an, die Inhalte in die
Bilder hineinzuziehen, sondern sie von
ihnen auszuschicken. Das heißt, sich und die Bilder einzumischen.
So geschehen 1998 während der Wahlkampfphase im Bremer Stadtteil
Schwachhausen, wo
Heinemann Bilder auf üblichen Wahlplakatträgern im öffentlichen
Raum installiert hat. Das geschah
im Rahmen des Projektes TOPOI – Kunst entlang der
Schwachhauser-Heerstraße. Das war eine
Einmischung in die stereotype Abfolge von Wahlplakaten. Es handelte
sich ja nicht um Entlarvungs-
ästhetik von
Klaus Staeck und war umso provozierender. Die Tafeln
wurden Ziel von Zerstörungen.
Die politischen Muster ertrugen die künstlerischen nicht. Es wurde
also sehr wohl begriffen, was
die voneinander unterscheidet. Hier handelt es sich um ein
Machtverhältnis. Die politischen Muster
schlagen die künstlerischen immer. Die künstlerischen Muster
unterscheiden sich qualitativ von
den politischen, deshalb muss die Politik sie bekämpfen und
vernichten.
1993/94 hat Ellen Heinemann im Auftrag der
Senatorischen Behörde für Kultur und Ausländer-
integration eine
Arbeit im Gebäude GW2 (Geisteswissenschaften) der Universität Bremen realisiert.
Das Projekt, in dessen Rahmen diese Arbeit entstand, hieß „An einem
anderen Ort“. Wenn man
den Titel des Projektes in Beziehung setzt zu dem Namen der
Behörde, die den Auftrag erteilt hat
- Helga Trüpel (Bündnis 90 / Die Grünen)
war damals Bremer Senatorin –, dann kann man doch nur
so denken, dass die Behörde für Kultur und Ausländerintegration
sich den anderen Ort als einen
vorstellt, der zwar anders aber nicht fremd ist. Das Andere will
man ja immer kennen lernen. Wenn
wir auf heutige Verhältnisse schauen, wissen wir, dass diese
Verbalersetzung von Fremdem und
Anderem nicht nur nichts genützt hat, sondern wahrscheinlich
katastrophal verblendend und die
sozialen Probleme platt wälzend gewirkt hat. Auf eine wohl tragisch
zu nennende Art ist die Arbeit
von Ellen Heinemann an dem gegebenen Ort nicht nur als anders,
sondern als so fremd erschienen,
dass sie im Zuge von Umbaumaßnahmen von GW2 entfernt wurde und nur
mit Mühe, wenngleich
beschädigt, in irgendwelche Lagerräume des Landes Bremen ‚gerettet‘
werden konnte.
Bei der Arbeit handelte es sich um zwei sich überschneidende, von
der Decke des Zentralen
Treppenhauses des Geisteswissenschaftlichen Gebäudes abgehängte Leinwandtafeln. Die gegen
die Fensterfront stehende, unüberschnittene blaue Tafel zeigte im
Zentrum ein kleines, Inselartig
eingeschriebenes Quadrat als ein Ruhepunkt für das Auge in dem
Überangebot architektonischer
Information des Gebäudes GW2. Die Arbeit ist doppelteilig. Hinter
der schon erwähnten blauen Tafel
erschien eine versetzte gelbe, die – in frontaler Ansicht – dem
blauen Quadrat einen gelb angelegten
Winkel verpasste. Im Rahmen der beliebig funktional-ästhetischen
Architektur erfüllte die Arbeit eine
bedeutende formale und inhaltliche Funktion. Sie las der
Architektur von GW2 die von dem Gebäude
selbst postulierten aber nicht erfüllten Leviten. Da die Arbeit
entfernt worden ist, ist nur noch an Foto-
grafien
überprüfbar, wie sie hätte wahrgenommen werden können. Sie befand sich dort in
unmittel-
barer Nähe und Blickbeziehung zu einer anderen Arbeit, einer
Wandmalerei von einem anderen
Künstler, die in realistischer Manier den Wettlauf von Studenten
nach lukrativen Wissenschafts-
pfründen zu
symbolisieren versuchte und die noch erhalten ist.
In Ellen Heinemanns Arbeit fand die Auseinandersetzung mit dem Ort
und dem umgebenden Raum
auf ganz andere Weise, nicht inhaltistisch,
statt. Die Platzanweisung erfolgte hier in einem sehr
komplexen und verwirrenden
architektonischem und sozialem Umfeld. Eine besondere Pointe
als
Platzhalterin erhielt sie durch die Nachbarschaft von zwei
miteinander konkurrierenden Farbleit-
systemen des
Gebäudes GW2, einem technischen und einem inhaltlich-organisatorischen.
Studenten auf der Suche nach den rot symbolisierten Räumen des
Fachbereichs Ästhetik und
Kommunikation hätten leicht im Keller landen können, wenn sie den
ebenfalls rot markierten, Wärme
führenden Leitungen des Belüftungs- und Heizungssystems gefolgt
wären. Nicht nur dagegen setzte
die Arbeit von Heinemann einen klar definierten Kontrapunkt.
Für die Universität Bremen wäre die Entfernung der Arbeit von Ellen
Heinemann dann ein Verlust,
wenn im Gebäude Geisteswissenschaften, also am Ort und in den
Lehrveranstaltungen, würde
verstanden werden können, dass die Erkenntnispräzisierungen, die
nicht nur die Wissenschaft,
sondern auch die Kunst bewerkstelligen können, essentielles Element
der wissenschaftlichen
Ausbildung und sein muss.
An zwei Abbildungen in diesem Katalog wird besonders deutlich, wie
räumlich und körperlich präsent
die Farben von der Künstlerin gesetzt werden. Das eine Foto zeigt
die Künstlerin mit einer Arbeit von
1988, senkrecht an ihren Rücken gelehnt. Dass bei den meisten
Bildern von Heinemann die Kanten
der Leinwände bemalt sind oder besser, sich die Malerei der
Schauseite auf die Kanten fortsetzt, wird
hier besonders sinnfällig. Das Verhältnis von Bild und Körper ist
wie das von Bogen und Sehne aber
auch eines wie von Maß und Gemessenem. Auf dem anderen Foto sehen
wir die Künstlerin mit dem
Waagerecht gehaltenen „Wanderstab“ von 1988 einen großen
‚überspringenden‘ Schritt machen auf
einer historischen Steinanordnung (Hünengrab), wie sie sich
zahlreich im weiteren Umland Bremens
finden. Man kann dieses Bild auch als einen Beleg dafür lesen, wie
wenig die Platzanweisungen für
Farben in den künstlerischen Arbeiten von Heinemann
konstruktivistischen Prinzipien folgen, wenn
man das nicht sowieso schon erkannt hätte.
Die Platzanweisungen liegen vielmehr im Strom von Farbbewegungen in
die Bilder hinein und aus
den Bildern heraus. Man würde das den in Ölfarbe gehaltenen, in
langwierigen Malprozessen
angelegten Tafelbildern der letzten Jahre vielleicht nicht ohne
weiteres abgelesen haben. Aber der
folgende Text von Hanne Zech macht darauf aufmerksam, wie viel
Farbbewegung – in die Tiefe und
aus der Tiefe, aus dem Raum in die Fläche und aus der Fläche in den
Raum – auch bei diesen Werken
wirksam ist. Die großflächigen Tafelbilder atmen ruhiger als
frühere Arbeiten, doch sind auch sie nicht
statisch, sondern dynamisch, wenngleich gedehnter. Mehr Zeit zum
Ein- und Aussteigen bei den
Haltestellen der Farben.